终点香港 – Endstation Hongkong
23. Oktober 2007
Wir hielten in der Tiefgarage, und nachdem das Gepäck ausgeladen war, wandte sich Kevin auf Mandarin an einen der heraneilenden Pagen.
“Wir möchten gerne hoch in die Lobby”, sagte er.
“Was? Toilette?! Hier unten keine Toilette, tut mir leid.”
“Ähm… schon gut…” Wir ließen den verwirrten Pagen zurück und bugsierten unser Gepäck selbst in den Fahrstuhl.
In der Lobby angekommen, sahen wir uns um. Kevin erblickte seinen Vater sofort, und auch ich fand, dass er nicht besonders schwer zu erkennen war. Er sah Kevin überhaupt nicht ähnlich, als er mich gemütlich begrüßte und mir gleich das “du” anbot. Kevin war groß, schlank und hatte kurzes, schwarzes (und etwas lichtes) Haar.
Sein Vater dagegen war kleiner, hatte eine helle, lockige Mähne und war weit nicht so dünn. Und doch hatte er irgendetwas gemeinsam mit ihm… Etwas, was auch Kevin spürte, sicherlich noch mehr als ich. Er nannte ihn “Wolfgang”, und ich hatte schon aus Kevins Erzählungen immer das Gefühl, dass zwischen den beiden mehr eine dicke Freundschaft bestand denn eine Vater-Sohn-Beziehung. Kevin hatte mir schon oft von ihm erzählt, und ich hatte sogar schon einmal mit ihm gesprochen, wenn auch nur kurz.
Wir saßen vor rund einer Woche zu zweit an einem Guilin’er Teich und beobachteten die Wasserspiele der Springbrunnen, die sich zu klassischer Musik in den Nachthimmel ergossen, als Kevins Handy klingelte.
“Warte mal…” Er sah auf das Display. “Hä?! Was ist denn das für eine seltsame Vorwahl??”
“Wenn’s 0049 ist, das ist Deutschland, Kevin, du bist eindeutig schon zu lange in…”
“Quatsch! Schau mal, das Gespräch kommt nicht aus Deutschland!” Ich begutachtete die Nummer auf dem Display. Stimmt, die sah wirklich seltsam aus.
“Da will mich einer aus Israel anrufen! Da geh ich nicht ran”, beschloss Kevin entschieden.
“Hast du nicht gesagt, du erwartest noch einen Anruf von deinem Vater?”, fragte ich.
“Der befindet sich aber derzeit nicht in Israel! Ich nehm das nicht ab!”
“Gib schon her…”
“Wenns für mich ist, sag, ich sei nicht da”, sagte Kevin.
“Jaja”, brummelte ich, nahm das Telefon in die Hand, drückte die grüne Taste und quakte in den Hörer: “Wei?”.
“…Hello?”
“Wei? Ni shi shei?”
“… Where is Kevin Dose? Can I speak to Kevin?”
“Duibuqi, wo bu zhidao ta zai nali. Ta zhengzai meiyou shijian.”
“… Can you speak English, please?”
Ich begriff langsam, dass ich gegen eine Wand redete, weil mein Gesprächspartner offensichtlich kein Chinesisch konnte.
“Oh, of course, I’m sorry. Kevin is not here, he’s busy at the moment.”
“Oh…”
“Who am I speaking to, anyway?”, fragte ich.
“I am his father…”
“Ups…”
Wolfgang kam ab jetzt für Kevins Reisekosten mit auf. Die Beiden bezogen ein schickes Hotelzimmer in einem der oberen Stockwerke des Hotels, allerdings ohne Ausblick auf die Stadt. Es war ein schönes Zimmer mit Bad, aber irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass wir in der Vergangenheit in anderen Teilen Chinas ein nur geringfügig schlechteres schon für nur ein paar Euro bekommen hatten. Als alles Gepäck (inklusive meinem) erst einmal verstaut war, blieb nur noch eines zu tun: mir auch noch eine Unterkunft suchen. Da ich mir das Hotelzimmer hier nicht leisten konnte, machten wir uns auf die Suche nach einer kleineren Bleibe. Wir machten uns auf den Weg durch die Hochhausschluchten, in der Hoffnung, hier die Herbergen genau so hinterher geworfen zu bekommen wie auf unserer bisherigen Reise, doch Fehlanzeige; Unterkünfte waren sehr spärlich gesät, und was wir fanden, war meist unbezahlbar.
Schließlich betraten wir ein Reisebüro in einem engen Seitenstraßencanyon. Ich erkundigte mich nach bezahlbaren Alternativen zu den teuren Hotels in der Stadt, und im Gespräch mit der sehr netten Dame hinter dem Schalter (sie konnte sogar Mandarin!) wurde mir bewusst, dass ich meine chinesisch geprägten Preisvorstellungen über Bord werfen konnte. Zwei Engländer, die das Gespräch mitgehört und auch ein bisschen Ahnung von der Materie hatten, gesellten sich zu uns und meinten, unter 300 Hongkongdollar (ca. 30 Euro) sei kaum etwas Annehmbares zu finden und mit China könnem an das nicht vergleichen.
300 Dollar pro Nacht! Und das fünf Nächte. Das würde ein gehöriges Loch in meinen Geldbeutel reißen. “Gibt’s denn da gar nichts Billigeres?”, fragte ich. Irgendwer von nebenan warf ein, da gäb es doch noch die “Mansion” oben im Haus, aber die Dame am Schalter winkte gleich ab und meinte, dass das sicher nichts für mich wäre.
Natürlich bestand ich drauf, mir diese Mansion, was immer das auch war, trotzdem einmal anzuschauen. Meine Ansprüche waren nicht gerade hoch, und für das Wohl meines nicht allzu prallen Geldbeutels sanken sie schnell noch weiter. Die Angestellte wählte eine Nummer durch, und kurz darauf wurde ich von einem jungen Mann abgeholt, der mich um den Block herum, durch eine kleine dreckige Passage und in einen Aufzug führte.
“Eine Mansion ist eine kleine Herberge in einem Wohnblock”, erklärte er mir in fließendem Hochchinesisch. “Wir haben Zimmer im siebten und achten Stock. 220 Dollar macht das Zimmer mit Bad, 160 das Zimmer ohne. Du bist etwas knapp bei Kasse? Kein Problem, ich zeig mir mal beide. Wenn du dich für das Zimmer ohne Bad entscheidest, eine Dusche befindet sich im Badezimmer auf dem Gang. Internet per W-Lan ist übrigens in jedem Fall dabei, DSL rund um die Uhr, gegen ein Pfand bekommst du das Passwort.”
Das Büro, in dem ich das Formular ausfüllte, war winzig – so wie das Zimmer selbst. Natürlich hatte ich mich für das ohne Badezimmer entschieden. Als ich es betrat, stieß ich mir spontan das Knie am Bettpfosten, welcher keine fünf Zentimeter hinter dem Schwenkradius der Tür begann. Zwei Betten, nichts mehr als ein Paar Beine zwischen sich ließen, standen an den Wänden, und ein kleiner Fernseher stand auf einem viereckigen Kleiderschrank (oder besser Kleider-Briefkasten), der mir bis zum Bauch ging.
Insgesamt war es der kleinste Wohnraum, den ich jemals gesehen habe. Und das für immer noch 16 Euro. Einen direkten Vergleich mit der Herberge in Dali am Anfang unserer Reise wollte ich gar nicht erst anstellen. Unterm Strich war ich aber trotzdem zufrieden. Billiger würde ich es wohl nicht bekommen, UND ich hatte Internet auf dem Zimmer
Dann ging es wieder auf die Straße. Beim Erkunden der Hongkonger Hochhausschluchten merkten wir so langsam, wie wenig China wirklich in dieser Stadt steckt. Nicht nur war die Sprache ein Problem, auch liefen auf der Straße beinahe so
viele westliche wie asiatische Gesichter herum. Auch das Essen hatte nicht viel mit dem zu tun, was wir gewohnt waren; vielmehr war es eine Kreuzung aus gebratenem Reis, wie ihr ihn in Deutschland findet, und seltsamen Rohei-Knochenfleisch-Nudel-Kombinationen. Und natürlich wie alles: wesentlich teurer als in Deutschland.
Hongkong, das nun seit ganzen zehn Jahren vom englischen Koloniedasein “erlöst” und an “Mainland China” zurückgegeben war, trägt heute durch seine Vergangenheit einen ganz speziellen, eigenen Charakter, der Westliches und Chinesisches miteinander vereint. Der Aufschwung, die wirtschaftlichen Vorteile, die das weltoffene Hongkong aus seinen ungehinderten Kontakten mit der Außenwelt zog und zieht, sind nicht schwer zu übersehen: Glänzende und spiegelnde Hochhäuser strahlen den unzähligen Touristen von der Hongkong-Insel beim Blick auf die Skyline entgegen, die jeden Abend eine riesige Lasershow in den Himmel strahlt. Auch optisch sieht man der Stadt den englischen Einfluss an: Die Linienbusse sind allesamt Doppeldecker, und im Geschäftsviertel fahren sogar doppelstöckige Straßenbahnen.
Von der Geschwindigkeit, mit der die Stadt boomt, profitieren sogar noch Shenzhen und Guangzhou, die ohne den “großen Bruder” beide heute nicht das wären, was sie sind. Aber – trotzdem oder deswegen – waren nicht alle so begeistert von der Entscheidung, die Provinz an ihr Ursprungsland zurück zu geben. Die von China groß gefeierte Zeremonie wurde von heftigen Protesten der Hongkonger selbst begleitet, denn die wollten ihre Freiheit nicht aufgeben, obwohl China es schließlich zum “Selbstregierungsbezirk” erklärt hat und man auch weiterhin dort seine Menung frei äußern darf und man frei jede Webseite im Netz aufrufen kann.






