终点香港 – Endstation Hongkong

23. Oktober 2007

HongkongIIWir hielten in der Tiefgarage, und nachdem das Gepäck ausgeladen war, wandte sich Kevin auf Mandarin an einen der heraneilenden Pagen.
“Wir möchten gerne hoch in die Lobby”, sagte er.
“Was? Toilette?! Hier unten keine Toilette, tut mir leid.”
“Ähm… schon gut…” Wir ließen den verwirrten Pagen zurück und bugsierten unser Gepäck selbst in den Fahrstuhl.
In der Lobby angekommen, sahen wir uns um. Kevin erblickte seinen Vater sofort, und auch ich fand, dass er nicht besonders schwer zu erkennen war. Er sah Kevin überhaupt nicht ähnlich, als er mich gemütlich begrüßte und mir gleich das “du” anbot. Kevin war groß, schlank und hatte kurzes, schwarzes (und etwas lichtes) Haar. HongkongISein Vater dagegen war kleiner, hatte eine helle, lockige Mähne und war weit nicht so dünn. Und doch hatte er irgendetwas gemeinsam mit ihm… Etwas, was auch Kevin spürte, sicherlich noch mehr als ich. Er nannte ihn “Wolfgang”, und ich hatte schon aus Kevins Erzählungen immer das Gefühl, dass zwischen den beiden mehr eine dicke Freundschaft bestand denn eine Vater-Sohn-Beziehung. Kevin hatte mir schon oft von ihm erzählt, und ich hatte sogar schon einmal mit ihm gesprochen, wenn auch nur kurz.

Wir saßen vor rund einer Woche zu zweit an einem Guilin’er Teich und beobachteten die Wasserspiele der Springbrunnen, die sich zu klassischer Musik in den Nachthimmel ergossen, als Kevins Handy klingelte.
“Warte mal…” Er sah auf das Display. “Hä?! Was ist denn das für eine seltsame Vorwahl??”
“Wenn’s 0049 ist, das ist Deutschland, Kevin, du bist eindeutig schon zu lange in…”
“Quatsch! Schau mal, das Gespräch kommt nicht aus Deutschland!” Ich begutachtete die Nummer auf dem Display. Stimmt, die sah wirklich seltsam aus.
“Da will mich einer aus Israel anrufen! Da geh ich nicht ran”, beschloss Kevin entschieden.
GuilinI“Hast du nicht gesagt, du erwartest noch einen Anruf von deinem Vater?”, fragte ich.
“Der befindet sich aber derzeit nicht in Israel! Ich nehm das nicht ab!”
“Gib schon her…”
“Wenns für mich ist, sag, ich sei nicht da”, sagte Kevin.
“Jaja”, brummelte ich, nahm das Telefon in die Hand, drückte die grüne Taste und quakte in den Hörer: “Wei?”.
“…Hello?”
“Wei? Ni shi shei?”
“… Where is Kevin Dose? Can I speak to Kevin?”
“Duibuqi, wo bu zhidao ta zai nali. Ta zhengzai meiyou shijian.”
“… Can you speak English, please?”
Ich begriff langsam, dass ich gegen eine Wand redete, weil mein Gesprächspartner offensichtlich kein Chinesisch konnte.
“Oh, of course, I’m sorry. Kevin is not here, he’s busy at the moment.”
“Oh…”
“Who am I speaking to, anyway?”, fragte ich.
“I am his father…”
“Ups…”

HongkongVIIWolfgang kam ab jetzt für Kevins Reisekosten mit auf. Die Beiden bezogen ein schickes Hotelzimmer in einem der oberen Stockwerke des Hotels, allerdings ohne Ausblick auf die Stadt. Es war ein schönes Zimmer mit Bad, aber irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass wir in der Vergangenheit in anderen Teilen Chinas ein nur geringfügig schlechteres schon für nur ein paar Euro bekommen hatten. Als alles Gepäck (inklusive meinem) erst einmal verstaut war, blieb nur noch eines zu tun: mir auch noch eine Unterkunft suchen. Da ich mir das Hotelzimmer hier nicht leisten konnte, machten wir uns auf die Suche nach einer kleineren Bleibe. Wir machten uns auf den Weg durch die Hochhausschluchten, in der Hoffnung, hier die Herbergen genau so hinterher geworfen zu bekommen wie auf unserer bisherigen Reise, doch Fehlanzeige; Unterkünfte waren sehr spärlich gesät, und was wir fanden, war meist unbezahlbar.
Schließlich betraten wir ein Reisebüro in einem engen Seitenstraßencanyon. Ich erkundigte mich nach bezahlbaren Alternativen zu den teuren Hotels in der Stadt, und im Gespräch mit der sehr netten Dame hinter dem Schalter (sie konnte sogar Mandarin!) wurde mir bewusst, dass ich meine chinesisch geprägten Preisvorstellungen über Bord werfen konnte. Zwei Engländer, die das Gespräch mitgehört und auch ein bisschen Ahnung von der Materie hatten, gesellten sich zu uns und meinten, unter 300 Hongkongdollar (ca. 30 Euro) sei kaum etwas Annehmbares zu finden und mit China könnem an das nicht vergleichen.
HongkongIII300 Dollar pro Nacht! Und das fünf Nächte. Das würde ein gehöriges Loch in meinen Geldbeutel reißen. “Gibt’s denn da gar nichts Billigeres?”, fragte ich. Irgendwer von nebenan warf ein, da gäb es doch noch die “Mansion” oben im Haus, aber die Dame am Schalter winkte gleich ab und meinte, dass das sicher nichts für mich wäre.
Natürlich bestand ich drauf, mir diese Mansion, was immer das auch war, trotzdem einmal anzuschauen. Meine Ansprüche waren nicht gerade hoch, und für das Wohl meines nicht allzu prallen Geldbeutels sanken sie schnell noch weiter. Die Angestellte wählte eine Nummer durch, und kurz darauf wurde ich von einem jungen Mann abgeholt, der mich um den Block herum, durch eine kleine dreckige Passage und in einen Aufzug führte.

HongkongIV“Eine Mansion ist eine kleine Herberge in einem Wohnblock”, erklärte er mir in fließendem Hochchinesisch. “Wir haben Zimmer im siebten und achten Stock. 220 Dollar macht das Zimmer mit Bad, 160 das Zimmer ohne. Du bist etwas knapp bei Kasse? Kein Problem, ich zeig mir mal beide. Wenn du dich für das Zimmer ohne Bad entscheidest, eine Dusche befindet sich im Badezimmer auf dem Gang. Internet per W-Lan ist übrigens in jedem Fall dabei, DSL rund um die Uhr, gegen ein Pfand bekommst du das Passwort.”
Das Büro, in dem ich das Formular ausfüllte, war winzig – so wie das Zimmer selbst. Natürlich hatte ich mich für das ohne Badezimmer entschieden. Als ich es betrat, stieß ich mir spontan das Knie am Bettpfosten, welcher keine fünf Zentimeter hinter dem Schwenkradius der Tür begann. Zwei Betten, nichts mehr als ein Paar Beine zwischen sich ließen, standen an den Wänden, und ein kleiner Fernseher stand auf einem viereckigen Kleiderschrank (oder besser Kleider-Briefkasten), der mir bis zum Bauch ging.
HongkongVIInsgesamt war es der kleinste Wohnraum, den ich jemals gesehen habe. Und das für immer noch 16 Euro. Einen direkten Vergleich mit der Herberge in Dali am Anfang unserer Reise wollte ich gar nicht erst anstellen. Unterm Strich war ich aber trotzdem zufrieden. Billiger würde ich es wohl nicht bekommen, UND ich hatte Internet auf dem Zimmer :D

Dann ging es wieder auf die Straße. Beim Erkunden der Hongkonger Hochhausschluchten merkten wir so langsam, wie wenig China wirklich in dieser Stadt steckt. Nicht nur war die Sprache ein Problem, auch liefen auf der Straße beinahe so HongkongVviele westliche wie asiatische Gesichter herum. Auch das Essen hatte nicht viel mit dem zu tun, was wir gewohnt waren; vielmehr war es eine Kreuzung aus gebratenem Reis, wie ihr ihn in Deutschland findet, und seltsamen Rohei-Knochenfleisch-Nudel-Kombinationen. Und natürlich wie alles: wesentlich teurer als in Deutschland.

Hongkong, das nun seit ganzen zehn Jahren vom englischen Koloniedasein “erlöst” und an “Mainland China” zurückgegeben war, trägt heute durch seine Vergangenheit einen ganz speziellen, eigenen Charakter, der Westliches und Chinesisches miteinander vereint. Der Aufschwung, die wirtschaftlichen Vorteile, die das weltoffene Hongkong aus seinen ungehinderten Kontakten mit der Außenwelt zog und zieht, sind nicht schwer zu übersehen: Glänzende und spiegelnde Hochhäuser strahlen den unzähligen Touristen von der Hongkong-Insel beim Blick auf die Skyline entgegen, die jeden Abend eine riesige Lasershow in den Himmel strahlt. Auch optisch sieht man der Stadt den englischen Einfluss an: Die Linienbusse sind allesamt Doppeldecker, und im Geschäftsviertel fahren sogar doppelstöckige Straßenbahnen.
HongkongVIIIVon der Geschwindigkeit, mit der die Stadt boomt, profitieren sogar noch Shenzhen und Guangzhou, die ohne den “großen Bruder” beide heute nicht das wären, was sie sind. Aber – trotzdem oder deswegen – waren nicht alle so begeistert von der Entscheidung, die Provinz an ihr Ursprungsland zurück zu geben. Die von China groß gefeierte Zeremonie wurde von heftigen Protesten der Hongkonger selbst begleitet, denn die wollten ihre Freiheit nicht aufgeben, obwohl China es schließlich zum “Selbstregierungsbezirk” erklärt hat und man auch weiterhin dort seine Menung frei äußern darf und man frei jede Webseite im Netz aufrufen kann.

穿过边境 – Über die Grenze

2. Oktober 2007

Karte11

Freitag, 9. Februar
Wie mochte es aussehen, das ‘Tor zu Hongkong’? Gab es wirklich nur eine Stadt, durch die man in Chinas bekannteste “Selbstregierungsprovinz” gelangen konnte? Ich konnte mir das schwer vorstellen. Zumal Shenzhen auf keiner Landkarte irgendeine bemerkenswerte Stellung einnahm. Vielmehr ging es zwischen den Metropolen Guangzhou und Hongkong einfach unter.
Shenzhen2Wie falsch meine Vorstellungen sein konnten, wurde mir mal wieder bewiesen, als unser Zug in die Stadt einrollte, und mir ein Meer aus goldenen Hochhäusern entgegenglänzte.
In der Tat, Shenzhen, eine bemerkenswert unbekannte Stadt, überraschte mich mit bemerkenswerter Größe. Die Metropole, deren Wachstum sich durchaus mit dem Giganten Shanghai messen kann, scheint man erst dann zu bemerken, wenn man durch sie hindurchfährt. Woran liegt das? Vermutlich ist Shenzhen einfach ZU schnell. Im Jahre 1979 zählte die Grenzstadt noch 30.000 Einwohner, heute sind es über 13 Millionen! Sie ist tatsächlich der einzige Eingang nach Hongkong, und davon hat sie bestmöglich profitiert.

Wir profitierten davon freilich nur insofern, dass wir uns eine weitere von Chinas boomenden Gigantstädten zu Gemüte führen durften. Und eine, die es in sich hat: Hier sieht man an einem Abend so viele dicke Autos auf der Straße, wie ich in Shanghai in drei Wochen nicht zu Gesicht bekomme. In Shenzhen wird so sehr auf Fortschritt und Wohlstadt gesetzt, dass Fahrräder verboten wurden. Sie behinderten den Verkehr nur und seien ein Zeichen für Armut.

Das war aber natürlich nicht unser Problem. Wir wollten nur eine Nacht bleiben, und am nächsten Morgen nach Hongkong aufbrechen, wo wir uns mit Kevins Vater treffen sollten. Kevins Internet-Aufschriebe verrieten uns, dass wir nach einem kleinen Bingguan (Herberge) suchten, “Little Hut”, dem wohl kleinsten in der ganzen Stadt: Es hatte nur ein Zimmer, und eines zur Anmeldung. Diese sollten sich beide in einem Hochhaus befinden, eines im vierzehnten und eines im zwölften Stock. Dort oben sollte man einen tollen Ausblick haben und (das faszinierte Kevin am meisten) sogar schon Hongkong-Radio empfangen können.
Wir nehmen die topmoderne U-Bahn in die Innenstadt, irrten eine Weile umher und fanden das Hochhaus schließlich. Es sah aus wie ein Bürogebäude, oder vielleicht wie ein Wohnhaus der gehobeneren Klasse, und schon die Security am Eingang ließ uns zögern.
Shenzhen4“‘Bitte belästigen Sie das Personal am Empfang nicht mit Fragen’”, las Kevin von seinem aus dem Web abgeschriebenen Zettel vor, “’sondern begeben Sie sich direkt in den Lift und fahren Sie nach oben in den zwölften Stock zur Anmeldung.’” Na gut. Wir marschierten erhobenen Hauptes an der Security vorbei, durch die Lobby und auf den Aufzug zu.
“Halt!”, rief eine strenge Stimme hinter uns. “Meine Herren, wo soll es denn hingehen?”
“Nach oben”, sagten wir (wahrheitsgemäß).
“Könnte ich den Berechtigungsausweis sehen, bitte?” Ein Wachmann kam vom Empfang auf uns zu.
“Ähm… Sowas haben wir nicht, wir wollen in die Herberge oben im zwölften Stock.”
“Eine Herberge? Hier? Gibt’s nicht”, meinte der Wachmann. “Da müssen Sie sich im Gebäude geirrt haben.”
Kevin zeigte ihm den Zettel, und auf dem Gesicht des Wachmannes bildete sich ein ungläubiger Blick. Ein zweiter Uniformierter kam hinzu. Mich beschlich ein unangenehmer Verdacht, was die ‘bitte das Personal nicht stören’-Anmerkung anging, und bevor die Leute in der Lobby einen dichten Kreis um uns bilden konnten (ihre gierig interessierten Blicke schienen zu sagen: “Schau mal, zwei Laowai’s, die ein Bingguan suchen. HIER DRIN! Haha!”), ließen wir uns schnell noch eine Empfehlung für andere Unterkünfte in der Nähe geben und verzogen wir uns wieder nach draußen.
Shenzhen1Knapp also einer peinlichen Situation entkommen, orientierten wir uns neu und suchten uns ein kleines (für die Region erstaunlich günstiges) Hotel zwei Straßen weiter. Dort nächtigten wir nach einem guten Abendessen. Nach einem überlaufenden Klo, einer kaputten Türkarte (in China gibt es kaum noch Schlüssel für Hotelzimmer) und einer Kakerlake, die mir Gute Nacht sagen wollte, verstanden wir auch, warum das Zimmer so billig gewesen war.

Samstag, 10. Februar
Nach einer trotzdem recht erholsamen Nacht war es denn soweit. Der Tag war da, an dem wir an unserer letzten Station ankommen sollten. Hongkong wartete auf uns (genau, auf UNS, und auf niemand anderen!). Der Plan sah folgendermaßen aus: Nachdem man die Grenze nach Hongkong überquert hatte (welche symbolisch immer noch zu bestehen schien), brachte eine spezielle Bahn die Passagiere bis in die Stadt hinein, die am südlichsten Zipfel der Landzunge liegt. Diese Fahrkarten wollten wir schon kaufen, konnten es aber noch nicht. Etwas verärgert über diese Auskunft machten wir uns eben erst auf den Weg über die Grenze. Womit wir natürlich nicht gerechnet hatten, war, dass es sich weniger um eine gedankliche, sondern viel mehr um eine richtige Grenze handelte. Von einer chinesischen Passkontrolle (bei der sich in Shenzhen3zwei Schlangen angestellt wurde: “Einwohner von Hongkong” und “alle Anderen”) ging es durch einen tunnelartigen Überweg über die Grenze. Außerhalb des Fensters konnten wir einige Meter unter uns einen breiten Wassergraben erkennen, dahinter eine Mauer mit Stacheldraht. Dann ging es über den Zoll und eine zweite, Hongkonger Passkontrolle endlich hinein in den “Selbstregierungsbezirk Hongkong” – ich kam mir vor wie in einem anderen Land, in dem zufällig der Großteil der Bevölkerung chinesisch aussah. Doch da ahnte ich noch nicht, wie stark dieses Gefühl noch werden sollte.

Direkt aus dem Gebäude heraus kamen wir an die Bahnstation. Wir stiegen ein und ließen uns in Richtung Stadt ziehen. Über eine halbe Stunde dauerte die Fahrt, vorbei an unbebautem Land, an Wiesen, Bergen, Haltestellen, die aussahen wie deutsche Provinzbahnhöfe. Mir war nie bewusst, wie groß die Halbinsel wirklich war, und in Gedanken hatte ich bei dem Wort “Hongkong” immer nur eine Stadt. Aber da war viel mehr als das. Erst langsam begannen die vereinzelten Häuser, dichter und höher aus dem Boden zu wachsen, und schließlich hielten wir an der Endstation, immer noch weit vom Stadtkern entfernt.
Kevin schlug vor, ein Taxi zu nehmen, und erfreut willigte ich ein; Kevin war eigentlich eher sparsam, er stieg nicht in ein kostenpflichtiges Auto, wenn er es vermeiden konnte. Aber ich war gespannt auf die Hongkonger Taxis.
Umdenken, hier herrscht Linksverkehr, sagte ich mir und stellte mich prompt auf die falsche Seite. Kevin tat es mir gleich, aber er merkte es früher und hätte wohl eine Weile gebraucht, mir das zu verklickern, der ich felsenfest von meiner Position überzeugt war und nicht verstehen konnte, warum auf meinem Beifahrerplatz schon der Fahrer saß. Doch war er schon damit beschäftigt, dem Fahrer auf Mandarin zu beschreiben, wo wir hinwollten.
“Ni shuo putonghua ma? (Sprechen Sie Hochchinesisch?)”, fragte er den faltigen Mann mit den dicken, runden Brillengläsern.
“Yi diandianr… (Ein bisschen…)”, antwortete der.
Hongkong1Und dann gings los. Kevin beschrieb ihm das Hotel, in welchem wir uns mit seinem Vater treffen sollten, und er schien verstanden zu haben. Aber sein Chinesisch war staksig und gebrechlich. Unwillkürlich musste ich daran denken, was uns Gunho, der Koreaner, über Hongkong erzählt hat.
“Und, hat’s geklappt mit dem Mandarin in Hongkong?”, hatte ihn Kevin einmal beim Essen gefragt.
“Ooh, frag nicht.” Gunho hatte in seiner charakteristischen Art das Mondgesicht verzogen. “Furchtbar! Viele verstehen es gar nicht, und wenn sie es verstehen, dann antworten sie in Englisch.”

Nun, Hochchinesisch ist an den Schulen in Hongkong zwar inzwischen offizieller Unterrichtsstoff, aber noch nicht lange, was bedeutete, dass es bei den Leuten mittleren und höheren Alters keinesfalls selbstverstänlich war, dass sie ihre Landessprache konnten. Was sie hingegen alle sprachen, war Kantonesisch und Englisch. Aber die Proteste der Hongkonger gegen die Wiedervereinigung vor rund zehn Jahren sprachen wohl für sich, und vielleicht war die Sprache ein Weg, auf dem sie auch weiterhin still ihren Unmut zeigen konnten.
Der Taxifahrer hingegen konnte auch kein Englisch, also machte es keinen Unterschied. Er kurvte mit uns schon zwanzig Minuten über unzählige Hochstraßen, obwohl die Fahrt nur eine Viertelstunde dauern sollte, bis wir irgendwann Zweifel bekamen, ob wir übers Ohr gehauen wurden.
“Hai yao duojiu? (Wie lange noch?)”, fragte ich den alten Mann.
“Hai you shiwu fenzhong. (Es sind noch fünfzehn Minuten.)”
“Mhm…” Ich dachte mir meinen Teil und auch Kevin lugte mir kritisch über die Schulter. Da waren wir inzwischen sehr vorsichtig geworden, aber mit Sicherheit nicht ganz zu Unrecht – genug negative Erfahrungen hatten wir inzwischen gesammelt.
Ein paar Minuten dachte ich nach, während der Taxameter erstaunlich schnell nach oben spurtete. Dann kam mir ein Gedanke: “Hören Sie, wenn das noch so lange geht, dann lassen Sie uns bitte an der nächsten Kreuzung raus.”
“Wieso das denn?”
“Weil unser Geld nicht reicht. Wir sollten schon längst da sein, so viel haben wir nicht kalkuliert.”
“Wir sind gleich da, zwei Minuten”, brummelte der Fahrer ins Lenkrad, und Tatsache, an der nächsten Abfahrt ging es hinunter von der Hochstraße und hinein ins Stadtzentrum, wo wir das Hotel in null komma nix erreicht hatten. Von den angekündigten fünfzehn Minuten hatten wir vielleicht fünf gebraucht, und ich fragte mich, wo wir entlanggekommen wären, wenn ich nichts gesagt hätte.

上海II – Shanghai II

22. August 2007

Karte 10

Guangzhou oder Kanton ist eine Stadt im Süden der Volksrepublik China mit rund 11 Mio. Einwohnern. Sie ist Hauptstadt der Provinz Guangdong (auch als “Kanton-Provinz” bekannt) sowie ein bedeutender Industrie- und Handelsstandort. Die Nähe zu Hongkong hat einen positiven Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung gehabt. In Guangzhou findet zweimal jährlich – im Frühjahr und im Herbst – Chinas größte Exportmesse statt. 2005 wurde mit dem Bau des höchsten Fernsehturm der Welt (610m) begonnen.
- Wikipedia (abgeändert)

Guangzhou 1“Taxi!”, rief ich, und beeilte mich, mir noch eines der schon wartenden freien Wägen zu sichern, bevor es einer der anderen heranströmenden Touristen tat.
“Zur ‘San Yuan Li’-U-Bahn-Station.”
“20 Kuai.” Der Fahrer hielt Zeige- und Mittelfinger hoch, ohne sich umzudrehen.
Und das soll in der Nähe sein? Toll, Kevin… dafür komm ich in Shanghai bis in die Innenstadt. “In Ordnung.”
Der Fahrer setzte sich in Bewegung. Mir fiel dann erst auf, dass er sein Taxameter gar nicht angestellt hatte. Nicht wissend, was ‘Taxameter’ auf Chinesisch heißt, sagte ich:
“Entschuldigung, würden Sie bitte dieses Ding benutzen?”
“Wieso? Wir hatten doch 20 Kuai ausgemacht!”
“Mooment, ich dachte, das wäre ein Schätzwert. Woher soll ich denn nun wissen, dass Sie mich nicht übers Ohr hauen wollen?”
Guangzhou 2“Also… also das ist ja wohl… Frechheit”, in schlecht geschauspielerter Empörung rang der Fahrer nach Worten.
“Ich sag ihnen, was das ist, das ist ganz einfach: Entweder, Sie benutzen jetzt dieses Gerät, oder ich will auf der Stelle aussteigen.”
“Dann… dann steig halt aus!”
Das Taxi hielt an der nächsten Ecke und ich stieg aus. Der nächste Wagen brachte mich mit Taxameter für sieben Yuan zu meinem Zielort. Ich war froh, mich nun in einem sicheren Auto zu wissen, und die gerade erlebte Geschichte blubberte aus mir heraus, doch der Fahrer lächelte nur müde und im nächsten Moment bereute ich, es erzählt zu haben.

Kevin hatte schon am Mittag ein Zimmer in einem kleinen Bingguan (Herberge) gebucht. Als ich mit ihm durch die Straßen lief, kam mir alles seltsam vertraut vor: Dreckige, viel befahrene Straßen zwischen tiefen Häuserschluchten. Hohe, im chinesischen Großstadtstil hässlich gekachelte Gebäude. Hochstraßen. War das wirklich eine Stadt tausend Kilometer weit weg von zu Hause? Man hätte mich genauso gut in eine mir unbekannte Ecke Shanghais stellen können, ich hätte keinen Unterschied bemerkt.
Guangzhou 3Das kleine Hotel war im Verhältnis immerhin günstig, auch wenn man es nicht mit Dali & co. vergleichen konnte. China wird im Südosten Richtung Hongkong zunehmend teurer. Außerdem lag unser Zimmer im ersten OG genau an einer Hochstraße, die uns nicht nur mit großstadttypischer Geräuschkulisse versorgte, sondern auch die komplette Aussicht abschnitt.
Aber das störte uns nur wenig, denn wir waren ja nicht der tollen guangzhou’er Zimmer wegen so weit gekommen. Am nächsten Morgen statteten wir mit Hilfe der hypermodernen U-Bahn (deutlich moderner als in Shanghai) dem Bahnhof einen Besuch ab. Der Zug sollte uns nach Shenzhen (sprich: Schö’n Dschö’n, mit kurzen ö’s) bringen, der Stadt an der ‘Grenze’, dem sogenannten ‘Tor zu Hongkong’.

Mittwoch, 7. Februar
Guangzhou 5Unser heutiger Plan war erst Fahrkarten kaufen, dann an den Fluss und dort die Guangzhou’er Skyline bewundern. Doch als wir an besagtem Bahnhof ankamen, gab es da etwas, was wir nicht bedacht hatten: Das nahende chinesische Frühlingsfest.
Das Frühlingsfest ist in China das Neujahrsfest. Also das, was bei uns Silvester ist, nur nicht Ende Dezember, sondern im Februar. Vielleicht wisst ihr schon, dass es nach dem ursprünglichen chinesischen Kalender kein Silvester gab. Heute wird die westliche Methode der Zeitrechnung zwar anerkannt und offiziell benutzt, aber für fast die komplette chinesischen Bevölkerung ist das Frühlingsfest nach wie vor das Fest, an dem das ‘eigentliche’ neue Jahr beginnt.
Da beim ‘Chun Jie’ (Tschun Dchiä) die Familie im Mittelpunkt steht (ähnlich wie bei uns an Weihnachten), will natürlich ganz China an diesen Tagen nach Hause zu den Eltern und Familienangehörigen, völlig gleich, wo in China man wohnt. Und genau so sah es auch am Bahnhof aus. Es gibt wohl nur zwei Termine im Jahr, an denen die komplette Bevölkerung auf den Beinen zu sein scheint (und bei der hohen Bevölkerungsdichte Chinas will das was heißen). Das erste Mal während dem Nationalfeiertag (damals waren wir in Peking) und der zweite Ausnahmezustand herrscht definitiv um das Frühlingsfest.

Guangzhou 4Lange Rede, kurzer Sinn: es kam, wie es kommen musste. Ein riesen Gedränge, wir standen eine Stunde an, um kurz vor der Tür dann von dem netten patroullierenden Officer gesagt zu bekommen, dass wir uns falsch angestellt hätten, und es zu den Hongkong-Tickets woanders lang geht. Dort angekommen, gab es keine Schalter, die Fahrkarten in die ehemalige englische Kolonialstadt verkauften.
“Falscher Bahnhof! Da müsst Ihr zum Ostbahnhof, hier gibt’s die Tickets nicht.” Frustriert dackelten wir hinaus und Richtung Metro.
Es war Nachmittag, als wir endlich mit den Karten aus der ‘Train Station East’ traten. Der Kauf war diesmal nicht mehr schwer gewesen – es hatte zwanzig Schalter für den Hongkong-Verkehr gegeben und zwei für den Rest.
Guangzhou 6Doch es war dunkel, als wir schließlich am Fluss ankamen, denn wir waren von der U-Bahn-Station aus lange, lange in die falsche Richtung gelaufen, ohne es zu merken. Kevin begründete es mit einer veralteten Karte in ‘The Book’ (unser Kosename für Kevins chinesischen Städteführer), und dem hatte ich nichts hinzuzufügen.

Als wir uns am Abend ein Restaurant suchten, mal wieder kurz vor knapp (das bedeutet auch hier um 9 oder halb 10, denn viel länger geht die Nacht auch im Süden Chinas nicht), probierten wir die berühmten Dan Dan Mian (sprich: Dan dan Miän, Nudeln mit scharfer Sichuan-Soße), Schweinelungensuppe (lecker, ehrlich!) und Kevin wollte gerne den Eintopf mit lebenden Maden vom Nachbartisch probieren, aber der war leider aus. Ooh.
In der Tat, immer, wann ihr schlimme Gerüchte über die chinesische Küche hört, seien es Hunde oder Schlangen oder Maden, dann könnt ihr euch meist davon ausgehen, diese kulinarische Eigenart kommt höchstwahrscheinlich aus der Guangzhou 7Kanton-Provinz. Selbst in China sind die Kantonesen als diejenigen bekannt, die “alles essen was schwimmt, fliegt oder vier Beine hat, außer U-Booten, Flugzeugen und Tischen”. Auf der hiesigen Speisekarte habe ich einige… Köstlichkeiten gefunden, bei denen sich mein Magen gemeldet hat… auf eine sehr warnende Art und Weise. Wenn ich hätte wählen müssen, hätte ich mich wohl zu meiner Ratte zurück gewünscht. Glücklicherweise gab es auch noch ‘Normales’ auf der Speisekarte.

冬天时有夏天 – Sommer im Winter

4. Juli 2007
Karte 9


Samstag, 3. Februar

Wo bin ich?
Einmal mehr öffnete ich meine Augen an einem mir unbekannten Ort. Helles Licht strahlte von beiden Seiten des Bettes in den Raum, Schatten huschten über mein Gesicht. Ich setzte mich auf. Blaue Hochbetten. Richtig, ich war im Zug. Mein erstes Mal Schlafabteil, auf dem Weg zur Insel Hainan.
Nunja, richtige Schlafabteile waren das nicht. Sie waren zum Gang hin offen, mit je sechs Betten pro Kajüte, zwei mal drei. Ich lag in einem der Betten ganz unten, welches dem Hörensagen nach bei längeren Fahrten tagsüber von jedermann als Sitzfläche benutzt wird.
Glücklicherweise ging die Fahrt nur neun Stunden, über eine Nacht. Und wir waren fast da.

Hainan 1Der Zug fuhr in der Endstation Zangjiang [Dsang Dchiang] ein, und ich stieg aus. Auf dem Bahnhofsvorplatz wartete Kevin schon, er hatte sich entschlossen, die billigere Variante (Stehplatz!) zu nehmen, die drei Stunden vorher abgefahren war. Zusammen ging es dann weiter zum Bus, welcher uns nach einer Stunde Wartezeit und weiteren zwei Stunden Fahrt auf die Fähre brachte.
Auf Deck pfiff uns der Wind um die Ohren, als wir das Festland am Horizont verschwinden sahen. Rund zwei Stunden verbrachten wir damit, La Mian* zu schlürfen, Bruce Willis beim Auseinandernehmen von Terroristen zuzuschauen oder die Aussicht auf Deck zu genießen, dann tauchten am Horizont die hohen, weißen Hotels von Hainans Hauptstadt auf. Die Fähre fuhr in den belebten Hafen Haikou’s ein, und kurz darauf rollte unser gepäckbeladener Bus wieder aus der Fähre hinaus um uns am überfüllten Parkplatz zu erwarten, wo sich schon die ersten Chinesen in gewohnter Manier ins Innere zu quetschen begannen. Ich fragte mich, ob sie befürchteten, ihre reservierten Sitzplätze nicht mehr zu bekommen.

Die Fahrt durch Haikou’s Innenstadt ließ Südseeflair und Urlaubsgefühle aufkommen, in einem Maße, wie ich sie seit gut zehn Jahren nicht mehr hatte. Die Straßen waren noch breiter geworden, die Gehwege noch palmengesäumter und die Sonne schien noch heller zu strahlen als bisher. Zwischen den hohen, weißen Häusern glitzerte das Meer hindurch, während wir am Stadtrand entlang auf die Autobahn zusteuerten, die uns in den Süden der Insel bringen sollte, nach Sanya.
Kevin hatte die Fahrt zur Südspitze der Insel auf zwei Stunden geschätzt, doch die gingen vorbei und da waren wir noch lange nicht. Es wurde Spätnachmittag und die Sonne tauchte die Wälder ringsherum bei ihrem Gang über den Horizont in goldenes Licht. Langsam wurde die Reise ermüdend, immerhin waren wir unterm Strich schon mehr als zwölf Stunden unterwegs, während der Bus über eine einsame Autobahn mitten durch Tropenwälder hindurchstach, weiter und weiter gen Süden. Wir hatten so weit nach unten gewollt, je südlicher, desto wärmer… “Im Februar in Hainan im Meer baden?”, hatte Sarah gelacht, “ich glaub kaum, dass das geht. Da müsst ihr schon runter bis nach Thailand…” Ich hatte noch immer genau Sarahs Urlaubsfotos vor Augen, aus dem Urwald, auf Elefanten, vor traumhaften Strandkulissen… Die Strände würden wir auch bekommen. Es musste einfach klappen.
Nach knapp vier Stunden Fahrt kamen wir in Sanya an, es war schon dunkel und wir wurden wirklich sprichwörtlich irgendwo abgesetzt. Wir hatten selten so wenig Ahnung davon gehabt, wo wir waren. Jedenfalls ein Busbahnhof. Und zwar einer mit Touristenfängern.
Hainan 2 Kaum war ich ausgestiegen, konnte ich drei Menschen mit Broschüren in der Hand sehen, alle den gierigen Blick auf mich gerichtet. Ich schaltete auf meine Standardtaktik: “Augen zu und durch”, doch als ich gerade meine Tasche aus dem Gepäckraum gezerrt hatte und mich umdrehte, war Kevin da mit den dreien eifrig am Verhandeln. Stimmt, wir hatten ja noch gar keine Unterkunft.
Zur Auswahl standen ein Mann mittleren Alters, eine Frau mittleren Alters und ein alter Mann. Wir entschieden uns für letzteren, denn nur dieser versprach uns Meerblick. Und das für 50 Kuai pro Nacht. Und für nur 5 Aufpreis wollte er uns sogar hinbringen. Klingt gut, dachten wir uns. Unter wildem Geschimpfe der anderen beiden, dass wir auf einen Betrüger hören würden und am Ende sicher sowieso zurück kommen und doch ihre Herberge wollen würden, stiegen wir in den Wagen ein. “Ja, ja, die anderen sind immer die schlechten Menschen…”

Fünf Minuten später. Ich konnte nichts sehen, aber ich konnte das Meer rauschen hören und den feinen Sand zwischen meinen Fingern hindurchrinnen spüren. Ein schwer zu beschreibendes Glücksgefühl stieg in mir auf :D Da musste man erst ans andere Ende Chinas fahren, aber nun würde ich das Meer endlich sehen. Ein Armutszeugnis für Shanghai, wenn man es genau nimmt. Und damals hatte ich noch keine Ahnung, wie schwer man es wirklich haben würde, wenn man Shanghaier Meer sehen wollte. Ich kehrte dem Meer den Rücken und lief über den schmalen Strand und die leere Straße zurück zu Kevin und dem alten Mann. “Sandstrand und Meer”, sagte ich. Kevin nickte und drehte sich zu dem Mann um. “Okay, dann nehmen wir das Zimmer.”
Hainan 3 “Okay, dann ruf ich mal drinnen an, ob noch ein Zimmer frei ist.” Er zückte ein Handy. Moment mal.
“Warum checkt er das denn nicht vorher?”, sagte ich zu Kevin. “Der kann ja schlecht Zimmer anbieten, die es gar nicht gibt. Ich meine, dann braucht er sich auch nicht an den Busbahnhof stellen…”
“Hm…”
Der alte Chinese kam zurück. “Heute Nacht gibt’s kein Zimmer mehr. Aber ihr könnt in das Hotel hier nebenan gehen, für eine Nacht, und dann morgen hierher umziehen.”
Aha. In die frische Meeresbrise mischte sich der dezente Geruch von Beschiss. “Ach. Und was kostet das andere?”
Der Mann deutete auf ein wesentlich höheres Gebäude nebenan. “Einhundertzwanzig Kuai pro Nacht.”
“Viel zu teuer! Sie haben uns eine Unterkunft für fünfzig versprochen!”, schaltete sich Kevin ein.
Der Mann begann, wild zu gestikulieren. Plötzlich bekam er die Aura eines sturen, dickköpfigen alten Knackers. Wie alle Chinesen, wenn sie diskutieren, nur älter und sturer. “Aber das ist ein viel besseres Zimmer, und es ist ja nur für eine Nacht, morgen könnt ihr hierher kommen!”
“Und wer garantiert uns, dass morgen hier was frei ist? Dann ist es plötzlich noch einen Abend, und so weiter…”
Nach einigem hin und her ließen wir uns zurück zum Ausgangsort fahren, um die anderen Herbergen zu begutachten. Doch so wollte er uns anscheinend nicht gehen lassen.
“Geld her!”
“Bitte was?!”
“Zehn Kuai, fünf hin und fünf zurück. Will ich haben.”
“Das hätte der Opa wohl gerne”, meinte Kevin zu mir.
“Du hast uns verarscht”, sagte ich gereizt zu ihm, “du bekommst gar nix von uns.”
“Also das ist ja wohl”, begann der Opa, “das ist ja…”
Kevin drehte sich um zum Gehen: “Ich hau ab.”
Ich folgte Kevin, und der alte Mann folgte uns. Glücklicherweise machte ihm sein Alter einen Strich durch eine spannende Verfolgungsjagd, trotzdem fanden wir ihn noch an dein Eingängen der nächsten beiden Herbergen, die wir begutachteten, wie er uns mit aufgehaltener Hand erwartete: “Her mit meinem Geld!”

Haikou 4Irgendwann hatte aber auch Opa seine Verfolgung aufgegeben, und wir irrten planlos in der Stadt rum. Wir wollten aus irgendeinem Grund nicht von unserem Meerblick ablassen, und so liefen wir in die grobe Richtung, in der wir den Strand vermuteten, bis wir dort waren; dann klapperten wir die Standpromenade konsequent nach Unterkünften ab. Und das hat sich mal wieder bewährt: In einem Hinterhof fanden wir einen kleinen Aufgang in ein scheinbar schlichtes Treppenhaus, welches im dritten Stock durch eine Stahltür in eine Herberge führte, die für 80 Kuai pro Nacht Doppelzimmer mit Meerblick anboten. Sogar vom Klo aus. Juhu! Wir hatten unsere Bleibe für die nächsten Nächte gefunden.

Ich will euch jetzt nicht mit Details langweilen, wie wir am Strand liegen… :D Oder wie wir für 30 Cent Kokosnüsse ausgeschlürft und hinterher ausgelöffelt haben… Oder wie lecker und gleichzeitig kreativ die lokalen Spezialitäten waren (allen voran die ultimative Fusion aus chinesischer und tropischer Küche: Kokosreis, Reis mit Kokosmilchgeschmack auf Kokosnussfleisch). Dazu lasst am besten die Bilder auf euch wirken. Im Februar Strandurlaub auf Hainan? Ja, das geht. :D

Hainan 5Hainan 13Hainan 6Hainan 7Hainan 8Hainan 10Hainan 11Hainan 12Hainan 13

Dienstag, 6. Februar
Am Nachmittag des 6. Februars sind Kevin und ich dann schließlich getrennt aufgebrochen. Er wollte gerne früher in Richtung unseres nächsten Ziels, Guangzhou [Guang Dschou]; ich hingegen hatte mich entschlossen, noch einen Tag länger das Inselflair zu genießen, und machte mich mit dem Bus auf den Weg zurück in Richtung Haikou, wo ich noch eine Nacht blieb und mich am Abend darauf per Flugzeug nach Guangzhou aufmachte (rund 350 Kuai, also 35 Euro). Guangzhou, eine der größten Städte Chinas und im Englischen “Kanton” genannt, ist wirtschaftlich von unschätzbarer Wichtigkeit für China, aber genau das brachte ihr auch den Ruf ein, eine der zehn dreckigsten Städte der Welt zu sein. Nichtsdestrotz muss man in einem Jahr China natürlich einmal im berühmten Kanton gewesen sein.
Ich stieg in das Flugzeug und suchte mir meinen Sitzplatz. Treffpunkt mit Kevin war der Hauptbahnhof, heute Abend um halb 1.

* [La Miän], Nudeln, so wird die hier beliebte Fertignudelsuppe bezeichnet. Man kann sie in zwei Formen kaufen: Erstens als kleines Packet, in dem die Nudeln und zwei oder drei kleine Tütchen Geschmack, Aroma und scharfes Gewürz enthalten sind. Die zweite Variante ist, sie in einem Pappbottich zu kaufen, das ist dann sozusagen direkt essbereit. Oft wird noch an den Kiosks oder im Supermarkt direkt heißes Wasser zum Aufgießen zur Verfügung gestellt, eine Plastikgabel ist auch enthalten, sodass man praktisch sofort anfangen kann, zu essen.

自行车故事 – Eine Fahrradstory

13. Juni 2007
Karte 8

Yangshuo 1Yangshuo hatte einen fantastischen Flair, fast wie eine Wild-West-Stadt, plaziert in der skurrilen Hügellandschaft von Guangxi. Die kleinen, flachen Häuser, die staubigen Straßen gesäumt von alten Straßenlaternen, und um die Stadt herum ragten die Felsen hinauf – eine neue Stadt und eine völlig neue Episode unserer Reise, ganz anders als Guilin oder einer der anderen Orte, die wir bisher besucht hatten. Nur die Pferde waren inzwischen leider gegen Autos eingetauscht worden. Ich war trotzdem beeindruckt. Einmal mehr.Wir liefen eine lange, breite Straße hinab, auf der Suche nach der Herberge auf der Xi Jie (Weststraße), die uns Kevin aus dem Internet gesucht hatte. Und mal wieder sollten wir sie nicht zu Gesicht bekommen. Kaum hatten wir einen Fuß auf die Hauptstraße gesetzt, eine kleine, aber sehr lange gepflasterte Fußgängerzone voller Leben, wurden wir angesprochen. Ein Herbergszimmer wurde uns angeboten, zu 40 Yuan pro Kopf und Nacht, gleich hier an der Straße. Kevins Jugendherberge kostete 60 pro Nacht. Da könnten wir uns das doch einmal anschauen. Und wir wurden nicht enttäuscht: Wir bekamen ein Zweibettzimmer mit Bad und Dusche (wobei die Dusche, wie hier üblich, nicht abgetrennt ist, sondern mitten im Bad). Und schon wieder billiger weg gekommen. Gut gelaunt verbrachten wir den restlichen Abend damit, die belebte Hauptstraße und ihre Umgebung kennen zu lernen, wo ich mich nebenbei noch mit zwei T-Shirts für zusammen 90 Kuai und einer Jeans für 35 Kuai (!!) eindeckte.
Yangshuo 2 Am Ende der Straße verlief der Fluss Li an der Stadt entlang. Hier bei Yangshuo trug er im Winter so wenig Wasser, er schien fast ausgetrocknet. Wir setzten uns ein paar Minuten auf die Treppe, die hinab zum Ufer führte, und im kalten Abendwind schaute ich hinauf an den Himmel. Es war Vollmond. Unwillkürlich musste ich daran denken, was ich an meinem Geburtstag über den Mond gesagt habe (Eintrag Nr.12, “Dieser eine Tag”). Ich sitze gerade irgendwo mitten im Süden China, in einem Ort, tausend Kilometer entfernt von Shanghai und noch achttausend Kilometer weiter weg von Deutschland… Irgendwie eine Wahrheit, die mir nach wie vor immer noch nicht in den Kopf wollte. Ich war in meinem Leben niemals so weit verreist, ich hatte Europa nie verlassen… Und nun saß ich auf eigene Faust am anderen Ende der Welt, ganz alleine bis auf einen wirklich guten Freund an meiner Seite… Ich spürte eine ganz seltsame Mischung aus Stolz und Einsamkeit, aus Glück und ein wenig Melancholie, als ich mich erhob und die letzten Stufen zum Fluss hinabstieg, in dessen glatter Oberfläche sich der runde Mond spiegelte.

Freitag, 2. Februar
Wo war ich vor einer Woche? Stimmt, heute Abend vor genau einer Woche saß ich im Flugzeug nach Kunming. Heute Abend vor genau einer Woche hatte meine Reise begonnen. Bis zum heutigen Tag hatte ich schon so viel gesehen. Und zwei ganze Wochen lagen noch vor mir.

Yangshuo 3Ich steckte meinen Geldbeutel weg. Vor uns, auf dem gepflasterten Boden der Westraße, standen zwei Fahrräder. Nicht top, aber gut in Schuss. Wir hatten gerade 20 Kuai pro Fahrrad gezahlt, für einen Tag, Kaution wurde keine verlangt. Zum Frühstück gab es Youtiao, “Ölstangen” – das sind frittierte, leicht knusprige Brotstangen, einen Kuai pro Stück. Wir hängten die Daizi (Tüte) an den Lenker und düsten los. Unser Fahrradabenteuer in den Karsthügeln von Guangxi konnte losgehen.
Hinunter von der Xi Lu, fuhren wir die lange Straße, die wir gekommen waren, zurück, vorbei an der Kreuzung, an der wir zum ersten Mal Yangshuo’er Boden betreten hatten, an einer einsamen Tankstelle vorbei und hinaus aus der Stadt… rauf auf eine Landstraße, die sich scheinbar endlos an den Hügeln entlang zu ziehen schien. Die Straße war angenehm zu fahren, obwohl es immer wieder auf und ab ging, schlängelte sie sich äußerst geschickt zwischen den Minibergen hindurch.
Wir fuhren eine ganze Weile so geradeaus. Von Zeit zu Zeit zogen immer wieder große Laster an uns vorbei, von dem einen oder anderen ernteten wir ein fröhliches oder verwundertes Laowai-Hupen. Irgendwann kamen wir an einen Straßenposten, der wie eine Mautstelle aussah. Obwohl wir stark bezweifelten, dass man als Radfahrer in China Gebühren zahlen muss, beschlossen wir, abzubiegen. Es gab nur einen Weg, und der führte hinab von der Straße, auf einen engen Pass zwischen Hügel und Feld.
Yangshuo 4 Einige Zeit balancierten wir unsere Räde über die schmalen Feldwege, bis wir einen Wald sehen konnten. Ein frisch bewässertes Feld auf der linken Seite und ein nach Wasser dürstendes auf der Rechten Seite trennte uns von ihm, in der Mitte zog sich der schmale Pfad kerzengerade bis zum Waldrand.
“Bleib du kurz hier”, sagte ich zu Kevin, “ich geh erst mal schauen, ob’s da hinten überhaupt noch weitergeht!” Und schon war ich auf dem Weg. Ich hielt den Lenker mittig und trat mich langsam nach vorne, auf der Mitte zwischen den beiden Feldern. Das ging gut bis zum Ende des ersten Streckendrittels, dann kam ich ins Wackeln. Ich streckte im Affekt ein Bein aus, um Stabilität zu gewinnen. Aber da kam keine. Und auch kein Boden…
PLATSCH!
Yangshuo 5 Während mein Bein bis zum Knie im Schlamm des Bewässerungskanals steckte, überlegte ich mir, dass es besser gewesen wäre, auf der rechten Seite abzusteigen. Der Rest meiner Kleidung war zum Glück größtenteils trocken geblieben, aber beim Versuch, mich zur Seite zu rollen, spürte ich, wie das Wasser auch ins andere Hosenbein zu laufen begann. Buääh!
Aus der Ferne konnte ich Kevin sehen, wie er sich nicht mehr einbekam vor lachen und eilig den Fotoapparat zückte. Das fand ich überhaupt nicht lustig.
“Steck den scheiß Foto weg und komm und hilf mir!!”

Ein Sonnenbad später war meine Hose zumindest angetrocknet und meine Motivation zurückgekehrt. Das Fahrrad hatte Kevin aus seiner Überkopflage befreit, während ich mich aufs Feld gehieft hatte, und während sich Kevin daran gemacht hatte, den nahen Wald zu erkunden, hatte ich die milden Temperaturen, die Sonne und die frische Luft genossen. Nun ging es mir wieder deutlich besser und ich schwang mich wieder aufs Rad. Nachdem ich das Rad aus der Gefahrenzone transportiert hatte.
Wir bogen in einen anderen Weg ein und kamen nach einiger Fahrtzeit wieder auf die Straße, die wir überquerten und wo wir auf eine weniger befahrene Landstraße abbogen. Im genau zu sein, war das einzige Gefährt in der Nähe eine andere Radfahrerin vor mir. Und die Landschaft! Einfach fantastisch. Wir durchquerten winzig kleine Dörfer und Felder und sahen die gigantischen Nadeln und die südliche Vegetation aus nächster Nähe. Ich fühlte mich ein bisschen wie in Südamerika, während ich die Frau überholte, den Fotoapparat zückte und (parallel zum hinter mir filmenden Kevin) im Fahren Fotos schoss ohne Ende.
Yangshuo 7Ein seltsamer Anblick, wenn in den armen Holzbarracken der chinesischen Dörfer jugendliche Mädchen stehen und uns verwundert hinterher schauen, aufgestylt wie im städtischen Nachtleben. Typisch China, dachte ich mir schmunzelnd. Durch den blühenden Schwarzmarkt kann sich wirklich jeder die Mode leisten, die er oder sie für “in” hält. Und das wird dann auch getragen, egal wo. Ein gutes Beispiel war Yuanli, die mit ihrem Pelzkragenmantel im Haus ihrer Eltern rumgerannt ist und damit im ganzen Dorf wirklich aussah wie ein bunter Hund.
Da vorne! Ein Haus, und Qualm steigt auf. Brennt’s da? Während wir vorbei fuhren, bekamen wir einen Blick auf den Hof. Die ganze Familie schien große Berge aus Ästen und anderen Materialien aufzutürmen und anzuzünden. Was die da wohl machen, überlegte ich… dann bemerkte ich etwas im Augenwinkel.
Und dann riss ich panisch den Lenker herum.
KRATSCH!
Yangshuo 6 Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich auf dem Asphalt, halb zugedeckt von meinem Fahrrad. Mein linker Arm war senkrecht ausgestreckt, bemerkte ich verwundert, dann sah ich, dass ich den Fotoapparat in der Hand hielt. Einen Moment fragte ich mich, ob ich meine Prioritäten falsch setzte.
Kevin schaute diesmal schon etwas besorgter, aber als er sah, dass mir nichts passiert war, musste er doch breit grinsen. Ich konnte es ihm nicht verübeln, ich hatte damit den Vogel wohl abgeschossen. Die Frau, die ich vorhin hinter mir gelassen hatte, musste mich während des Fotografierens wieder überholt haben. Dann hatte sie sich scheinbar entschlossen, mitten auf der Landstraße stehen zu bleiben. Das hatte ich aufgrund der einnehmenden Landschaft um mich herum zu spät bemerkt. Naja, immerhin habe ich es überhaupt noch bemerkt… Scheiße…
Die Frau war schon wieder weiter. Etwas säuerlich stand ich auf, klopfte mir den Dreck von der ramponierten Kleidung und stieg wieder auf. Das Fahrrad hatte schon sichtlich gelitten unter meiner eisernen Hand. Der Bremshebel war verkratzt und der Bremsschlauch wackelte verdächtig, aber es funktionierte noch alles. Also weiter.

Yangshuo 9Ein paar Meter weiter wurde ich angehalten. Da stand sie, und eine andere Dame, die das Spektakel wohl beobachtet hatte. Oh oh, jetzt gibts auf die Mütze, dachte ich mir. Geschieht dir recht.
“Ist Ihnen etwas passiert? Ich habe Sie gesehen, und glauben Sie mir, das tut mir ganz furchtbar leid… los, entschuldige dich bei dem Herrn… bitte entschuldigen Sie, dass das Mädchen einfach so davongefahren ist, so etwas tut man nicht…”

Kurz darauf fuhren wir in ein kleines Dorf ein und machten dort an einem Fluss unter großen, tropischen Bäumen Pause. Von der Brücke konnte man die “Bamboo”s sehen, die Bambusrohrflöße, wie sie am Ufer im türkis schimmernden, spiegelglatten Wasser lagen.
“Wie gern würde ich mal mit so einem fahren… was meinst du, was das kostet, Kevin?”
“Ich weiß nicht… sicher viel zu teuer. Du kannst ja ‘ne Runde fahren, ich fahr sowieso lieber Rad.”
In diesem Moment fragte mich jemand von der Seite, ob ich Bamboo fahren will. Ich drehte mich um und da stand sie, die ich beinahe umgefahren hätte.
“Was zahl ich denn dafür?”, fragte ich beiläufig.
“Hm… wegen der Sache vorhin… sagen wir 40 Yuan, für eine Stunde. In Ordnung?”
Yangshuo 10 Ich hatte keine Ahnung, ob das ein guter Preis war, aber ich war bereit, ihn zu zahlen, um mich einmal durch die stillen Gewässer dieses bildschönen Flusses tragen zu lassen. Ich willigte also ein, und sie dampfte ab, um das Ruder zu holen. Kevin und ich warteten an der Brücke und machten einen Treffpunkt aus, weiter unten am Fluss.
“Hey, Laowai!! Bamboo??”
Von der anderen Seite der Brücke kamen drei dicke Männer angestapft. Scheinbar hatten sie Beute gewittert.
“Danke, ich hab schon”, erwiderte ich kühl.
Yangshuo 8 “Was? Kann nicht sein. Ich machs dir billiger! Was zahlst du denn”, polterte er mir höchst amüsiert ins Gesicht, “einhundert Kuai oder zweihundert?”
“Der zahlt vierzig”, meldete sich Kevin zu Wort.
Den drei Männern blieb der Mund offen stehen.
Mit einem breiten Grinsen stieg ich auf das Floß. Dieses Mal hatte ich ein gutes Geschäft gemacht.

Im goldenen Licht der Abendsonne radelten wir die Landstraße zurück nach Yangshuo. An der Herberge angekommen, gaben wir die Fahrräder ab (sie haben die Schäden nicht bemerkt *puh*), dann schnappten wir unsere Sachen und machten uns auf zum Busbahnhof. Der Reisebus brachte uns zurück nach Guilin, wo am späten Abend die Züge in den nächsten Abschnitt unserer Reise gingen.
Ja, Guangxi, der zweite große Teil unserer Reise lag nun hinter uns. Und ich freute mich wie ein kleines Kind auf das, was nun kommen sollte: Hainan, das Hawaii Asiens.

Guanxi Ende

被欺骗了 – Verarscht

20. Mai 2007
Karte7

Li-Fluss1“Kevin!!”
“Ja??”
“Wo ist unsere Gruppe??”
“Ich weiß es nicht! Renn einfach geradeaus! Ich glaube, ich kann unser Schiff schon sehen!”
“Alles klar”, rief ich über das Getöse hinüber zu Kevin, während wir zusammen über den Flussstrand spurteten. Ich kam mir vor wie im Krieg. Nein, schlimmer. Die Angriffe kamen nicht nur von vorne, sondern von allen Seiten gleichzeitig. Nicht zur Seite schauen, sagte ich mir, schön den Kurs beibehalten und die Ohren auf taub stellen…
“Hello! Hello?! Peanuts??”
“Tangerines! Two Kuai!!”
“Hello, Sir, lookelooke!!”
“Hey Laowai…!!”

Es war ein Albtraum. Als wir endlich heil am Boot ankamen, wartete am Steg schon unsere Gruppenleiterin und wir waren heilfroh, im Inneren zu sein. Aber die Verkäuferarmee ließ nicht locker. Selbst als das Boot schon abgelegt hatte, paddelten über zehn Leute per Floß auf dem Wasser heran, bis an die Fenster und klopften. Unser Fenster war offen, aber bis wir das bemerkten, hatten wir schon eine gelbe Abrissbirne auf der Nase kleben.
“Hello!! Moonfruit?!”
Li-Fluss2 “No, thanks…!” Wir schoben den Verkäufer prompt zurück aufs Wasser und beschlossen, das Fenster nicht wieder aufzumachen, bis wir uns ein Stück vom Anlegesteg entfernt hatten. Das war jammerschade, den nun, als wir die Zeit hatten, uns dem Tal zu widmen, in dem wir uns befanden, blieb uns immer wieder die Luft weg von den unglaublichen Bildern, die sich uns boten. Glücklicherweise wurde nach einer Weile die Aussichtsplattform geöffnet, und wir verbrachten beinahe die gesamte restliche Zeit der dreistündigen Bootsfahrt auf Deck und fotografierten und staunten. Eine unglaubliche Laune der Natur, die Karstlandschaft Guilin. Steilste Wände werden überwuchert von Grün, gelbe Strände und direkt dahinter dichte, beinahe tropisch wuchernde Vegetation. Ein Eindruck, den ich wohl nie wieder vergessen werde.
An den Stränden, an denen wir vorbeiglitten, saßen immer wieder Menschen, in zerschlissenen Kleidern drängten sie sich um etwas, was wie ein Gaskocher aussah. Wohl gerade am Essen kochen, ließen sie alles stehen und liegen, als unser Touristenschiff vorbei kam, und liefen knietief in den Fluss, während sie die Hände bittend ausstreckten, oder sie schwangen sich auf ihr eigenes Floß und kamen direkt an die Fenster. Eine Biegung weiter sah ich eine Gruppe Kinder; sie hatten große Schmetterlingsnetze dabei und liefen damit ins Wasser, in der Hoffnung, Geldscheine fischen zu können.
Li-Fluss3 Das Boot glitt weiter und schließlich kamen wir am Höhepunkt der Schiffsfahrt an, einem Ort, um den sich eine hiesige Legende rankt. Von dort aus soll man acht “Matou” (Pferdeköpfe) sehen können. Gemeint sind acht doppelte Bergspitzen, die von diesem Punkt aus rundherum zu sehen sind. In der Sage heißt es, wer hier einen neunten Pferdekopf erblickt, der wird der nächste Regierungschef werden, und so soll es sich angeblich mit dem Nachfolger Mao’s auch zugetragen haben.
Wir beide haben angestrengt versucht, die acht Matou zu erkennen, aber Kevin hat nur sieben gezählt und ich war schon bei dreizehn, als wir einsehen mussten, dass das mit dem Regierungsjob wohl leider nix werden würde bei uns :P

Li-Fluss4Schließlich legte das Boot wieder an einem Kiesstrand an, und über ein weiteres Schlachtfeld kämpften wir uns an Früchten und Tieren verkaufenden Händlern vorbei und zurück bis zu einem anderen Bus, der allerdings wesentlich ungemütlicher und kleiner war als der vorherige. Unsere Daoyou (Touristenführerin) hatte auch gewechselt… und die neue sollte einen Platz in unseren Erinnerungen bekommen… genau neben dem “I can speak four languages”-Arsch.
“Hallo, ihr beiden Ausländer, ihr kommt nicht mehr mit auf unsere Sight-Seeing-Tour, stimmt das, ich wollt gleich nach Yangshuo, stimmts?”
“Ja,” antwortete ich.
“Okay, dann müsst ihr weniger zahlen, weil die Orte kosten ja auch eine Kleinigkeit, das ist schlau. Woher kommt ihr denn?”
“Deutschland.”
“Aah, Deutschland, okay ihr Deutschen, dann bleiben jedem von euch euch insgesamt rund 70 Kuai erspart, wenn ihr nicht mitkommt, gut oder?”
Guilin x1 Wir hatten eh nicht gewusst, dass man da nochmal zahlen sollte… Ich sah mich in unserer Entscheidung bestätigt, gleich in die Stadt zu gehen, lehnte mich zurück und schaute aus dem Fenster, weil ich keinen Bock auf das etwas anstrengende Geschnatter dieser Frau hatte, und sah erst wieder auf, als hinter mir (ich saß ganz vorne) eine laute Diskussion ausbrach zwischen unserer Daoyou und einer Frau, die sich darüber aufregte, dass sie niemand über die zusätzlichen Kosten informiert hatte. Schließlich wurde sie in irgendeiner kleinen Stadt auf halber Strecke rausgeworfen, in einer Ortschaft an einer Stelle, wo sie am späten Nachmittag nach der Tour wieder aufgelesen werden sollte.
Da war uns schon etwas komisch.
Dann wandte sich die Daoyou wieder an uns, beziehungsweise an Kevin, der etwas hinter mir saß, und ihre ärgerliche Miene wich einem urfalschen Lächeln: “Also ihr beiden Deutschen, es sieht jetzt leider so aus, dass ihr, wenn ihr die Besichtigungen nicht mitmachen wollt, leider hier im Bus sitzen bleiben und auf uns warten müsst…”
Na toll. Kevin und ich warfen uns viel sagende Blicke zu.
Guilin x3 “… aber wie wär’s, wenn ihr euch einfach nur eine oder zwei der insgesamt drei Sehenswürdigkeiten anschaut? Dann müsst ihr natürlich weniger zahlen, zum Beispiel kostet der erste Ort nur neun Kuai, und der ist wirklich schön, ein uralter Baum und ganz tolle Landschaft, ein ganz besonderer Platz im Umland von Yangshuo. Oder der zweite, der kostet nur achtzehn Kuai, das ist der Mondsichelberg, auch sehr sehenswert! Und um 17 Uhr sind wir auf jeden Fall in Yangshuo!”
Kevin und ich beratschlagten uns kurz. Das war natürlich ein feiner Trick gewesen, das wurde uns vorher auch nicht gesagt. Aber die Stelle für neun Kuai pro Mann könnten wir uns ja eigentlich anschauen, da konnte man ja nicht viel falsch machen. “Na gut… dann kommen wir zu dem ersten Ort mit.”

Guilin x2Das Gesicht der Daoyou erstrahlte. Sie kassierte achtzehn Yuan von uns und wandte sich dann wieder der Gruppe zu, während der Bus in die erste Sehenswürdigkeit einrollte. Die war auch sehenswert, weniger der alte Baum selbst, als mehr die ganze Vegetation und Umgebung insgesamt. Riesige, dichte Bambuspflanzen überragten uns um ein Vielfaches und ein Bach war an den Ufern geschmückt mit Hawaii-artigen Blumenkränzen. Doch bevor wir die Gelegenheit gehabt hatten, uns alles anzuschauen, war die Zeit auch schon wieder vorbei, und wir mussten zurück.
Keine zehn Minuten später. Die Daoyou stieg aus, und der Fahrer erhob die Stimme. Er erzählte irgendwas, während er auf einen Feldweg einbog und diesen langsam auf kerzengerader Strecke verfolgte.
“Zur Ihrer rechten sehen sie… blabla… blubber blubber… Loch… bla… Mondberg… blubb…”
Guilin x4 Moment mal. Ich erwachte aus meinen Gedanken und schaute nach rechts. Dort in einiger Entfernung war ein Berg zu sehen, der kurz unter der Spitze ein Loch aufwies. Ähnlich wie der Große Spiegel, dachte ich mir. Aber das Stückchen Himmel, was man hindurch sehen konnte, hatte, bedingt durch einen Berg genau hintendran, eine sichelartige Form, und die verschob sich während der Fahrt langsam, wie ein Mondzyklus. Ein netter Anblick, aber nicht so beeindruckend, dass ich dafür achtzehn Yuan…
“Dankeschön,” grinste die Daoyou, als sie weitere 36 Kuai in ihrer Tasche verschwinden ließ. Für die letzte Etappe war sie wieder zugestiegen. Nun hielten wir an der sogenannten Drachenhöhle, wohl einer Tropfsteinhöhle oder etwas in der Art. Diesmal stellten wir uns aber quer. Die 43 Kuai für den Eintritt wollen wir nicht mehr zahlen, und überhaupt hatten wir chinesische Tropfsteinhöhlen sowieso schon hinter uns. vor meinem geistigen Auge strahlten schon wieder Neonlichter in allen denkbaren Farben.
“Dann wartet ihr einfach hier, wir sind in zwanzig Minuten wieder da,” meinte unsere Leiterin und verschwand mit der restlichen Gruppe im Höhleneingang.

Guilin x5Und wir warteten. Zwanzig Minuten. In der Zeit machten wir einen Spaziergang durch die hübsche Umgebung, entlang an Orangenfeldern, zum Touristenfängerblock am Ausgang der Höhle und kehrten dann zurück. Keiner da. Dreißig Minuten. Wir kauften uns eine Kleinigkeit zu essen, setzten uns mit Blick auf die Orangen, aßen gemütlich auf und schauten dann wieder zum Bus. Keiner da. Vierzig Minuten. Nun war 17 Uhr. Ich fragte mich, ob wir noch im Hellen ankommen würden, während wir uns in den Bus setzten und ein paar Minuten die Augen zumachten.
Fünf Minuten später standen sie natürlich bereit zur Abfahrt.

Eine gute Dreiviertelstunde später kamen wir in Yangshuo an. Und wo wurden wir abgesetzt? Genau an der Straßenkreuzung, an der die Frau auf der Hinfahrt rausgeschmissen wurde. Wir waren also längst durch Yangshuo durchgefahren. Und wieder einmal hatte uns China gekriegt. Leicht verbittert beschlossen wir, uns auf dieser Reise nicht mehr verarschen zu lassen.

往漓江方向 – In Richtung Lijiang

6. Mai 2007

Donnerstag, 1. Februar

Karte 6

Guilin1Ich blinzelte. Die rote aufgehende Sonne warf ihre angenehmen Strahlen an den Wohnhäusern vorbei zum Fenster hinein, genau auf mein Gesicht. Noch nicht aufstehen…
Ich drehte mich auf die Seite und schloss die Augen wieder. Von irgendwoher vernahm ich ein regelmäßig schmatzendes, leicht matschiges Geräusch.
“Kevin, bist du das?”
“Ja. *mampf*”
“Was machst du da?”
“Na die Mondfrüchte”, schmatzte Kevin, “die müssen weg…” Ich musste grinsen. Eigentlich hätte ich es mir denken können.

“Hier, ich gebe euch eine Tüte voll mit auf den Weg”, sprach die alte Frau enthusiastisch zu uns. “Die sind gerade reif, genau richtig, kommt, hier…”
Kevin und ich schauten Yuanli Hilfe suchend an. Eine ganze, große Tüte voll von diesen gelben Brocken?!
“Vielen Dank, aber das können wir nicht annehmen”, winkte Yuanli ab, äußerst höflich, aber ich konnte ihre vor Angst gerunzelte Stirn sehen, “das ist zu gütig von Ihnen.”
“Doch doch, das könnt ihr, hier, nehmt, wir haben reichlich”, lachte die alte Frau, während sie schon fast auf Yuanli’s Schuhen stand. “Mondfrüchte sind gesund und schmecken gut, nehmt sie!”
“Wirklich, vielen Dank, aber Sie sind ZU freundlich…”
Mit skeptischem Blick begutachtete ich fünf Minuten später die Plastiktüte, die während der holprigen Fahrt auf und ab hüpfte und gerade dabei war, ihren Inhalt auf dem Anhänger zu verteilen. Die dünnen Träger waren unter dem Gewicht von gut sechs oder sieben schweren Mondfrüchten schon halb zerrissen…

Guilin4Ich schälte mich aus dem Hotelbett, setzte mich auf den Stuhl neben Kevin und betrachtete die zerrupfte Frucht. Mondfrüchte ähneln übergroßen Orangen, nur ist die Haut wesentlich dicker und sie schmecken leicht bitter. Um sie zu essen, muss man erst mit einem Messer die Schale außenherum anschneiden und abziehen. Dann hält man etwas in der Hand, was aussieht wie eine geschälte Riesenorange. Die auseinandergepuhlten Stücke muss man allerdings auch noch häuten: Die Haut ist, im Gegensatz zu ihreren kleineren Verwandten, einfach zu zäh zum Essen. Wenn man alles richtig gemacht hat, dann kann man dann das Fruchtfleisch herausessen; wenn nicht, kann man den Saft aus seiner Hose waschen.
Wir packten unsere Sachen und verließen das Hotelzimmer, das uns Yuanli’s Bruder gestern auf 50 Kuai pro Person heruntergehandelt hatte, nachdem uns die beiden in die Stadt gebracht hatten. Unten am Eingang wartete unser Reisebus. Es war ein großer, klimatisierter Bus, nicht so klein und eng wie der in Yunnan, und diesmal lästerte keiner über uns. Durch diese Erkenntnis beruhigt, nahmen wir Platz in einer der hinteren, gepolsterten Sitzreihen.
Guilin 5Während der Bus durch die Stadt rollte und die Touristenführerin vorne etwas erzählte, was ich sowieso nicht verstand, blickte ich aus dem Fenster auf das morgendliche Guilin. Ein schöner Ort. Die hellen Häuser und die mit Palmen gesäumten, breiten Straßen vermittelten schon ein bisschen den Eindruck einer südländischen Stadt. Und mittendrin ragten, auch in der Stadt, diese seltsamen Berge aus dem Boden. Schade, dass der Fluss, der sich quer durch die Stadt zog, im Februar etwas an Wassermangel litt, aber das tat dem Gesamtbild der Stadt kaum einen Abbruch.
Guilin war wirklich schön, leider ging es nun schon wieder weiter. Wir hatten nur einen Abend in Guilin gehabt…

“Tut uns wirklich leid, dass wir nicht länger bei euch bleiben können, aber mein Bruder arbeitet ja bei der Polizei, und er muss dringend wieder zurück…”
“Ist doch kein Problem”, wandte sich Kevin freundlich an Yuanli, “ihr habt uns schon in die Stadt gefahren und uns ein Hotel besorgt, ihr habt uns bei euch aufgenommen… Ihr habt wirklich schon genug für uns getan!”
“Aber wir möchten euch zum Abschied noch einmal zum Essen einladen. Dann könnt ihr auch noch ein paar regionale Spezialitäten kennen lernen. In Ordnung?”
Guilin2Gesagt, getan. Wir unterbrachen unseren Spaziergang durch die Stadt und kehrten in ein recht volles und recht großes Selbstbedienungs-Restaurant ein. Yuanli versprach uns, sich um das Essen zu kümmern und verschwand. Während wir uns indes mit ihrem Bruder unterhielten, kamen Bedienungen mit Rollwägen durch die Reihen gefahren. Die Wägen waren voll mit kleinen Gemüsebeilagen und Dingen, die aussahen wie Kuchenstücke, nur in seltsamen Farben. Yuanlis Brüder suchte sich mehrere dieser kuchenähnlichen Dinger aus und stellte sie auf den Tisch.
Diese Form der Beilagenwahl ist in China, wie ich inzwischen bemerkt habe, nicht ganz untypisch, gerade in solchen größeren Lokalitäten. Sie werden dann mit auf die Rechnung geschrieben und zum Schluss abkassiert.
Während wir noch kritisch die außerirdischen Objekte vor uns auf dem Tisch begutachteten, kehrte Yuanli voll beladen zurück. Jeder von uns bekam eine Schüssel. Mein Essen sah gut aus, klein gestückeltes Fleisch und grünes Gemüse auf einem Reisbett. Hungrig machte ich mich an die Arbeit. Kevin schien es auch zu schmecken, obwohl ihm sein Fleisch im Gegensatz zu meinem mit Knochen das Essen erschwerte.
Guilin3“Was hast du denn da, Kevin? Lass mal probieren!” Ich streckte meine Stäbchen über den Tisch und klaute mir ein Stück von Kevins Fleisch.
“Ich weiß nicht, aber es schmeckt gut.” Was ich bestätigen konnte. Und erst da kam es mir: Ich hatte schon wieder ERST gegessen und DANN gefragt. Ich hatte nichts dazugelernt.
“Yuanli, was hast du uns da eigentlich Leckeres mitgebracht?”
“Deines ist Schweinefleisch. Schmeckt es dir denn?”
Guilin 7 “Ja, schmeckt super!” Und das stimmte. “Und Kevins?”
“Das ist &f@%R$u=§.”
“Kevin, was ist deins?”, wandte ich mich an ihn, der etwas komsich daherschaute.
“Frosch…”

Der Bus rollte durch beeindruckende Täler, umringt von steilen, grünen Felswänden. Die Nadelspitzen und Rocherberge waren einfach überall, und unser Gefährt schlängelte sich über mal befestigte, mal unbefestigte Straßen immer weiter hinein in diese beeindruckende Landschaft. Unter uns schimmerte ein blauer Fluss golden in der Vormittagssonne: Der Lijiang, der berühmteste Fluss in der Provinz Guangxi (ja, der heißt genau so wie die Stadt, aber man schreibt ihn anders >_>). Auf diesem fuhren Passagierschiffe; und genau diese waren unser nächstes Ziel. Eine Bootsfahrt durch dieses Tal, und das bei dem tollen Wetter, das sich uns offenbarte, davon hatte ich schon die letzten Tage geschwärmt.
Doch der Ausflug aufs Wasser sollte nicht so idyllisch starten, wie es den Anschein hatte. Als wir an den Kiesstrand heranrollten, an denen die Schiffe anlegten, da sah ich etwas, was mir meinen Magen auf links drehte und meine Schlimmsten Albträume zurück in die Kinderschuhe steckte.
“Alle dicht beieinander bleiben”, rief unsere Führerin. “Begeben Sie sich auf direktem Wege zum Schiff, und verlieren Sie nicht die Gruppe. Achtung, es geht los!”

Die Bustüren schwangen auf – und wir stürmten hinaus aufs Schlachtfeld.

橙子国 – Im Land, wo die Orangen blühen

23. April 2007
Karte5


Mittwoch, 31. Januar

Dajing1Mitten in einem Tal, von wilden, steilen Bergspitzen umringt und weit entfernt von jeder Stadt liegt das kleine Dörfchen Dajing [Da-Dching]. Das bedeutet übersetzt “Großer Spiegel” und kommt von einem runden, spiegelartigen Durchguck in einer der umliegenden Bergspitzen, den man von einigen Punkten des Ortes aus sehen kann.
In Dajing gibt es keine Fabriken, keine hupenden Autokolonnen und keine Dunstglocke am Himmel. In Dajing leben die Menschen noch so, wie sie vor hunderten von Jahren gelebt haben: Arm, aber glücklich. Das Gemüse wird selbst angebaut und die Hühner selbst geschlachtet.
Die Menschen im Dorf sind wie eine große Familie. Für die Kinder gibt es nur “Tanten” und “Onkel”, im ganzen Ort. Überall findet man geöffnete Türen, die Familien winken sich gegenseitig zum Essen herein und geben sich Früchte mit auf den Weg. Neuankömmlinge und besonders Ausländer werden mit allergrößter Herzlichkeit begrüßt. Hier denkt niemand ans Betteln. Hier wird gegeben, was man geben kann.

Dajing2Ich trat schlaftrunken auf den Balkon. Die Morgensonne warf ihren angenehm warmen Schein auf die Dächer ringsum. Auf der staubigen Straße unter mir war schon früh eine ganze ganze Menge los. Ein Schulbus voller Kinder war gerade eingetrudelt und brachte die Jungs und Mädchen aus dem Internat zurück nach Hause. Heute war Ferienanfang für die Schulkinder der nahen Grund- und Mittelschule. Mütter standen dort und gackerten durcheinander, empfingen ihre Söhne und Töchter freudig, trugen Gepäck vom Dach des Busses und alle liefen wild durcheinander.
Als Kevin und ich fertig angezogen waren, gingen wir hinab in den Hof. Die Mutter beeilte sich gerade, das Frühstück aufzutragen und Yuanli wartete bereits auf uns. Sie lächelte uns an: “Guten Morgen! Habt ihr gut geschlafen? Das hier ist You Cha (Öltee)”, sie reichte uns je eine volle Schüssel, “und hier gibt es noch gebratenes Gemüse und Fleisch und Baozi. Das ist alles sehr regionales Essen, bis auf die Baozi, aber die hat meine Mama selbst gemacht. Sie macht die besten in der ganzen Region!”
Wir ließen uns nicht lange bitten und langten ordentlich zu. Den You Cha glaubte ich als Tee mit Fleischbrühe zu identifizieren, und dazu gab es etwas, was aussah wie Kellog’s Smacks. Zusammen ergab das die chinesische Variante der allseits beliebten Kornflakes. Und ich konnte mich kaum stoppen, so gut war es. Die Baozi waren mit vier verschiedenen Füllungen versehen. Ich erwischte eine mit Gemüse und eine mit Fleisch, während Kevin mit einer süßen Baozi und einer Tofutasche nicht ganz so glücklich aussah…
Dajing3 Während dem Essen waren wir die Attraktion schlechthin. Durch das offene Hoftor kamen immer wieder Kinder gerannt, um zu schauen, und ich konnte aus den Fenstern des Nachbarhauses immer wieder scheue Augen hinauslugen sehen. “Waiguoren! Waiguoren!! (Ausländer! Ausländer!!)” Aber das Wort “Laowai” habe ich kein einziges Mal gehört.

Nach dem Essen ging es hinaus auf die Straße. Yuanli’s Vater saß an seinem Tabakwarenstand an der Garage und winkte uns zu, und dann wurden wir auf einem Anhänger per Motorrad hinaus ins Tal gefahren.
Es war wirklich wunderschön hier. So klare Luft, so reines Wasser hatte ich seit meiner Ankunft in China nicht mehr erlebt. Yuanli zeigte uns ihre Schule und führte uns über die Felder, vorbei an interessiert schauenden Arbeitern, bis zu einem kleinen Wasserkraftwerk. “Früher musste Dajing den Strom immer von Guilin beziehen”, erzählte sie uns. “Mein Vater hat dieses Kraftwerk mit eigener Hand gebaut, damit wir unabhängig sein können. Es produziert nicht viel Strom, aber für das Dorf reicht es.”
Dajing7Die Fahrt auf dem Anhänger ging weiter, einen sandigen Weg den Hügel hinauf, in eine neue kleine Schlucht. Überall um uns herum grünte es, und riesige Felder voller Orangen und Madarinen strahlten uns orangegelb entgegen. Dort stand ein kleiner Laster, vollbeladen mit Orangennetzen, und gut zehn Männer und Frauen liefen eifrig hin und her und enteten und packten ab. Als wir anhielten, gaben sie uns eine Orange und eine Mondfrucht mit auf unseren Weg.

So eine Idylle, in China, im Land der dreckigen Luft, der Abwässer und der Armut. Dieses Land bot wirklich unglaubliche Kontraste, vielleicht die größten, die sich inenrhalb eines Landes auf der Welt finden lassen. Plötzlich konnte ich mir kaum vorstellen, gestern um diese Zeit noch mit dicker Jacke in ein Flugzeug gestiegen zu sein…

Dienstag, 30. Januar
Dajing8 Stille. Nur unsere eigenen Schritte waren zu hören, als Kevin und ich durch die gewundenen Gänge des Flughafens Guilin stapften. Wir betraten die große Halle und suchten unser Gepäckband auf – zwei oder drei einsame Gestalten warteten hier und da auf ihre Koffer, mehr waren im gesamten Areal nicht zu sehen.
“Was eine Partystadt”, scherzte ich, “hier scheint ja tierisch der Bär zu gehen.”
“Hier ist Abends doch nicht etwa noch weniger los als in Shanghai?!” meinte Kevin und schnappte sich seine Reisetasche.
“Wohl kaum, das wäre ja schwer zu unterbieten…”
“Naja, erstmal geht’s ja raus aufs Land… Ah, ich kann sie schon sehen…”
Ein wirklich cleverer Schachzug von Kevin, das musste man ihm lassen. Durch seine vielen Unikontakte kennt er Chinesen aus vielen Regionen des Landes, darunter auch ein Mädchen aus der Region um Guilin. Nun waren Ferien und sie war nach Hause zurückgekehrt, um dort das Frühlingsfest zu feiern – und vorher hat sich Kevin mal noch einladen lassen.
Dort konnte ich die Schemen zweier Persönchen stehen sehen, am anderen Ende des langen Ganges, von den großen verglasten Eingangstoren des Flughafens. Mir wurde etwas mulmig. Sie, Yuanli [Yüän-Li], trug hohe schwarze Lederstiefel und einen langen Kaschmirmantel, um den Hals einen dicken grünen Schaal. Auf der Nase hatte sie eine Hornbrille, die Haare waren penibel zu einem Knoten zusammengesteckt. Neben ihr ein junger Mann; er sah etwas legerer aus. Er trug eine hellbraune Lederjacke, dennoch mit einem pelzigen Kragen, und eine saubere dunkle Bügelfaltenhose. In der Hand ließ er einen Autoschlüssel baumeln. Und die sollen auf dem Land leben?! dachte ich mir. Vermutlich in so einem Dreistock-Neubau. Das ist nicht gerade der Trip aufs Land, den ich mich so vorgestellt hab. Vielleicht kommen wir von dort aus aber wenigstens mal ein bisschen raus aufs Dorf…
Nun war ich meinem Ziel, dass ich seit der Ankunft in China vor Augen hatte (nämlich, einmal das richtige chinesische Hinterdorfsleben kennen zu lernen) schon so nahe gekommen, und nun das. Wir stiegen in das Auto des (wie sich herausstellte) Bruders und machten uns auf die rund einstündige Fahrt in unser nächstes Domizil.

Dajing10Die Landschaft, die sich uns hier bot, hob meine Laune wieder deutlich. Schon vom Flugzeug aus haben wir staunend hinab in eine Hügellandschaft geschaut, wie wir sie bisher noch nicht gesehen hatten, aber von unten wirkte alles noch viel beeindruckender: Wir befanden uns in einer waldüberwucherten Region. Obwohl Guilin geographisch ungefähr auf der selben Höhe liegt wie Kunming, wirkt die Vegetation hier schon wesentlich dichter, wesentlich südlicher. Den Straßenrand säumten Palmen und die Temperatur war deutlich höher. Aber das mit Abstand Beeindruckendste waren die vielen kleinen Berge, die sich ringsum auftaten: Aus einem beinahe komplett flachen Land erhoben sich nadelartig Spitze Felsen und steile Hügel. Teilweise wie Halbkugeln, teilweise wie riesige Stämme schossen sie überall in die Höhe.
Die Chinesen sind auch auf dem Land nicht gerade zart besaitet, wenn sie hinter dem Steuer sitzen, besonders, wenn sie auf Feldwegen mitten durch verlassene Felsschluchten fahren. Die “Rocher-Berge” (wie Kevin sie taufte, weil einige von ihnen wirklich den Schokovorbildern ähnlich sahen) nahmen noch zu, während wir die Stadt Guilin schon lange hinter uns gelassen hatten und mehr und mehr konnten wir steile Klippen um uns herum vorbeifliegen sehen, während wir durch winzig kleine Dörfer und an grünen Feldern vorbei fuhren.
Dajing5Schließlich erreichten wir Dajing, und Mutter und Vater begrüßten uns herzlich. Nachdem wir unseren Trumpf gezogen hatten (ein kleines Gastgeschenk, ein Gebot der Höflichkeit, genauso wie die Tradition des Gastgebers, es erst mindestens dreimal abzulehnen), bekamen wir eine Hausführung durch den schlichten, zweistöckigen Steinbau. Das Wohnzimmer bestand aus einigen Holzstühlen und einem alten Holztisch, sowie einem Fernseher. Die Dusche war die Toilette; ich hätte mich wohl niemals getraut, dort zu duschen. Danach wurden wir durch das Dorf geführt. In fast jeden Hof konnte man hineinschauen, dort saßen die Familien beim Abendessen. Der Hof dient hier meistens als “Wohnzimmer”, überdacht sind nur Küche und Schlafräume. Zwei Dinge haben aber beinahe alle Häuser gemeinsam: Einen kleinen Fernseher, ein Mao Zedong-Poster und wer etwas mehr Geld hat, besitzt noch einen absolut nicht ins Bild passenden PC mit Internet.

Dajing4Dann ging es zum Abendessen zu Freunden. Als wir ankamen, war es schon dunkel. Die Familie, die uns in ihr bescheidenes Heim eingeladen hatte, war gerade fertig mit dem Essen kochen. Das Huhn war schon geschlachtet und in eine kräftige Hühnerbrühe verarbeitet worden – und zwar komplett. Dazu gab es eine Soße für das Fleisch, zubereitet aus glühend roter scharfer Paprika und Qing Cai (Klopapierkraut). Wir setzten uns auf kleine Hocker im Hof um einen großen Wok und aßen und unterhielten uns. Wir waren wirklich herzlich willkommen hier, und unsere Gastgeber wollten alles mögliche von uns wissen.
“So funktioniert das hier auf dem Land: Das erste Mal ist man Gast, das zweite Mal ist man Freund, das dritte Mal Bruder!”, erklärte uns der Mann und goss mir eine Schale selbstgebrannten Schnaps ein (der mich zugegebenermaßen gut von den Socken haute), um mit mir anzustoßen. Sogar der eingeschworene Antialkoholiker Kevin überwand sich und nippte einmal Dajing9an dem Schnaps.
Als das Fleisch aufgegessen war (Kevin probierte auch einen Hühnerfuß, ich schaffte das nicht), wurde noch eine kleine Schüssel mit anderem Fleisch aufgetischt und Salat in die Brühe gegeben. Das Fleisch schmeckte irgendwie gut, so würzig. Aber es waren viele kleine Knochen drin. “Was ist denn das für Fleisch? Es ist lecker”, fragte ich in die Runde. “Das ist Ratte”, erklärte uns Yuanli…

Es schien uns schon später Abend, als wir um 22 Uhr, die Füße in Eimern gefüllt mit warmem Wasser, auf unseren Betten saßen und den Tag noch einmal revue passieren ließen. Ich war dort angekommen, wo ich immer hinwollte, was ich seit meiner Ankunft schon erleben wollte. In dem hintersten Dorf, mitten im chinesischen Land. Und ich ziehe meinen Hut vor diesen Menschen. Wie sie wohnen, wie sie leben, ihre offene und gesellige Art, wie sie lachen und glücklich sind, das erscheint mir wie wohl jedem anderen verwöhnten Westler – und da kann ich wohl jeden von uns mit einbeziehen – unmöglich.